Das Rezo-Video gegen die Medien

By | 14.6.2020

Hast Du es auch gesehen? Das Video von Rezo „Die Zerstörung der Presse“. Du hast es nicht gesehen? Dann hier für alle, die es noch nicht gesehen haben:

 

Hat er Recht? Stimmt das alles was er sagt? Nun, die Wahrheit ist, dass das was Rezo da kritisiert, eigentlich genau das ist, was der „mündige Bürger“ haben möchte. „Die Medien“ verkaufen ihren Kunden das, was sie kaufen wollen. In Deutschland ist man nicht bereit, für gute Presseerzeugnisse Geld zu bezahlen. Das spiegelt sich in den Verkaufszahlen auch entsprechend wieder. Pay-Accounts, also bezahlte Zugänge, finden praktisch keinen Absatz.

Die Website ADHS-Zentrum ist eine der größten Websites zum Thema ADHS in Deutschland. Weniger als 1% der Accounts sind Pay-Accounts. Die Website Eltern-Zentrum hat bei dem Artikel mehrere hundert Views zu verzeichnen. Die Anzahl der Pay-Accounts liegt bei exakt 0 (Null). Faktisch ist niemand bereit, für Inhalte zu bezahlen. Von dem guten Journalismus, den Rezo als auch andere wenige einfordern, kann man nicht leben. Nicht in Deutschland.

Entscheidend für den Erfolg in Deutschland sind zwei Dinge. Zum einen muss das Angebot kostenlos sein, und zum anderen muss es stets dazu führen, dass es Menschen polarisiert. Die Meldung muss als die Gesellschaft spalten. Und wenn die dann aufeinander losgeht, kann man daraus Kapital schlagen.

Beispiel: ADHS-Zentrum hat auf seiner Facebookseite rund 4.600 Nutzer. Auf dieser Facebookseite werden die aktuellen Artikel und Informationen gepostet, welche auf der eigentlichen Website von ADHS-Zentrum zu finden sind. Die Resonanz ist gewöhnlich gering. Aber was würde passieren, wenn man einen Beitrag veröffentlicht, der kostenlos ist, und das Potential mitbringt, die Gruppe zu spalten?

Innerhalb von 24h nehmen von den 4.600 Nutzen das Posting fast 3.500 wahr. 63 Reagieren sofort mit einem „Like“ oder mit einem Stimmungssmiley. Und es gibt 83 Kommentare und 6 Nutzer haben den Artikel geteilt. Gewöhnlich bewegen sich die Zahlen nahe an der Null-Grenze.

Das Posting ist zwar sachlich gesehen richtig, spaltet aber die Gesellschaft, indem es polarisiert.

Wäre die Welt so, wie sie Rezo gern hätte, dann dürfte es auf dieses Posting nahezu keine Reaktionen geben.

Darf man jetzt solche Beiträge nicht mehr veröffentlichen? Wie ist das jetzt mit der Moral? Und wie ist das, wenn „die Medien“ nicht mehr leben können, weil den guten Journalismus keiner bezahlen will? Es gibt Unternehmen, die das mal versucht haben. Dieses „Leben vom guten Journalismus“. Financial Times Deutschland ist vor ein paar Jahren deshalb pleite gegangen. Einige Lokalblätter, die es mal auf Xing gab, sind auch weg. Das Unternehmen Golem hat es auch versucht. Es sind – wie bei ADHS-Zentrum – rund 1% zahlende Mitglieder (2015).

Klar, man kann sich jetzt wie Rezo hinstellen, und diese Missstände in „den Medien“ anprangern. Der Vorwurf geht jedoch an die falsche Adresse. Solange der Kunde den Müll kauft, wird er ihm verkauft. Schwenkt der Kunde um, werden sich die Unternehmen auch verändern – weil sie es müssen. Und dann haben die wirklich guten Projekte wie Golem, ADHS-Zentrum, und und und auch alle eine gute Chance, sich am Markt zu behaupten.

Seit dem Video von Rezo haben sich viele darüber aufgeregt. Aber wirklich verändert hat sich nichts. Auch jene, die sich am lautesten beschweren, bezahlen heute immer noch nicht für die „guten Presseerzeugnisse“. Und mehr noch: Durch die Kritik fühlen sich diese 99% die eh nie etwas bezahlen würden, in ihrem Handeln noch bestätigt. Die werden auch zukünftig keine Abos kaufen.

Das Problem ist auch, das in dem Video nicht geklärt wurde, wer wirklich seriös arbeitet, und dadurch zu den „Guten“ gehört. Faktisch zählt nämlich keiner dazu, weil in den aufgeführten Statistiken kein Unternehmen als seriös dargestellt wurde. Im Umkehrschluss gibt es keine seriösen Quellen in der deutschen Medienszene.

Gewagt finde ich es auch, dass von einem „schlechten“ Journalisten auf ein ganzes Unternehmen geschlossen wird. Ich glaube, dass es eher umgekehrt ist. Ich lese in einer bestimmten Zeitung von bestimmten Journalisten, weil die eben keinen Unsinn verbreiten, sondern gute journalistische Arbeiten abliefern. Die grundsätzliche Verallgemeinerung in dem Video macht was? Es polarisiert, ist kostenlos, und spaltet schließlich.

Rezo macht also genau das, was er selbst vorgibt zu kritisieren. Ich sehe das sehr kritisch.

Hier noch, zur Vervollständigung, die von Rezo kritisierte Branche mit einem Antwortvideo